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12.09.2016 - 75 Jahre Radiojodtherapie

BUSINESS & PEOPLE
Das Wirtschaftsmagazin aus der Metropolregion Hamburg:
© 2016 Zeitungsverlag Krause GmbH & Co. KG

 - Eine elegante Methode

Hochwirksame Behandlung bei bestimmten Schilddrüsenerkrankungen, die ohne Nebenwirkungen in vielen Fällen Heilung bringt – in Stade wird dieses Verfahren seit mehr als 60 Jahren in der Klinik Dr. Hancken angewendet.

Moderne SPECT-Technik mit Gamma-Kamera für Ganzkörperszintigramme in der Klinik Dr. Hancken

Altbundeskanzler Helmut Schmidt wurde in den frühen 70er-Jahren, der ehemalige US- Präsident Herbert Walker Bush und seine Frau Barbara sowie ihr Hund Millie wurden in den 90er-Jahren mit einer Radiojodtherapie behandelt. Sie litten – so berichtete der Nuklearmediziner Professor Dr. L. A. Hotze in seiner Chronik der Radiojodtherapie – unter Immunhyper-thyreose des Typs Basedow. Bei dieser Erkrankung wird die Hormonproduktion der Schilddrüse durch körpereigene Antikörper angeregt, was oft auch zu einer Vergrößerung führt. Manche Betroffene klagen über Herzrasen, Ruhelosigkeit oder Heißhunger- und Panikattacken, aber auch Heiserkeit, Schluckbeschwerden. Ein sichtbarer Kropf kann ein Anzeichen für diese Erkrankung der Schilddrüse sein. Wie bei den prominenten Patienten Schmidt und dem Ehepaar Bush ist häufig eine Behandlung mit dem Radio-Jod-Isotop I-131 die Methode der Wahl.

Warum das Isotop I-130 von I-131 abgelöst wurde

Diese Therapie hat eine lange Geschichte mit beeindruckenden Erfolgen. Sie wurde vor 75 Jahren zum ersten Mal bei Menschen angewendet. Am 31. März 1941 therapierte der Mediziner und Endokrinologe Saul Hertz vom Massachusetts General Hospital in Boston zusammen mit den Kernphysikern Arthur Roberts und Robley Evans vom Massachusetts Institute of Technology (MIT) die ersten Patienten mit Hyperthyreose (Schilddrüsenüber-funktion) vor allem mit dem Isotop I-130, das eine Halbwertzeit von 12,5 Stunden hat. Wenige Monate später, am 12. Oktober 1941, unternahmen die Mediziner Joseph Hamilton und John H. Lawrence an der Berkeley University einen weiteren Versuch, Schilddrüsenpatienten mit einer Radiojodtherapie zu behandeln. Sie verwendeten das Isotop I-131, das gegenüber dem in Boston eingesetzten Radionuklid I-130 den Vorteil einer deutlich längeren Halbwertzeit von knapp acht Tagen hat. Und dieses Radionuklid wird bis heute verwendet.

Dabei machten sich die Mediziner und Physiker die Erkenntnisse von zahlreichen Wissenschaftlern zu den speziellen Eigenschaften der beiden Isotope, ihrer Herstellung und der Aufnahme von radioaktiven Substanzen wie Jod I-131 im Körper zunutze. So haben beide Isotope nur eine geringe Reichweite der Betastrahlung, bei I-131 beträgt sie 0,5 Millimeter in der mittleren Reichweite. Die zweite wichtige Erkenntnis war, dass Jod nur von Schilddrüsenzellen aufgenommen wird. Hinzu kamen die Ergebnisse zahlreicher Forschungsarbeiten von Quantenphysikern und Nuklearforschern – etwa zur künstlichen Herstellung von Isotopen oder die Messung der Strahlung mithilfe der „Geigerzähler“.

„Mein Großvater zählte in den 1950er-Jahren zu den ersten, wenigen Ärzten in Deutschland, die Schilddrüsen-Szintigramme und die in den USA mit großem Erfolg angewandte Radiojodtherapie durchführten.“

Dr. Christoph Hancken, der in der dritten Generation die Klinik Dr. Hancken als Geschäftsführender Gesellschafter und Ärztlicher Direktor leitet.

Samuel M. Seidlin schrieb Medizingeschichte

Der Zweite Weltkrieg behinderte zwar die zivile Nutzung von künstlich erzeugten Isotopen in der Medizin, aber der New Yorker Arzt und Chef der endokrinologischen Abteilung des Montefiore Hospitals in New York City, Samuel M. Seidlin, konnte sich eine geringe Menge radioaktives Jod beschaffen und es als erster Mediziner bei einem Patienten mit metastasiertem Schilddrüsenkrebs einsetzen.

Der Fall des Mr. B.B. schrieb Medizingeschichte: Der Patient hatte 20 Jahre nach einer operativen Entfernung der Schilddrüse Zeichen einer schweren Überfunktion entwickelt. Seidlin vermutete, dass sich im Körper seines Patienten mehrere Metastasen gebildet hatten. Für Mr. B.B. gab es eigentlich keine Rettung mehr, mit konventionellen Methoden war keine Heilung möglich. Als letzte Chance schlug Seidlin eine Therapie mit radioaktivem Jod vor, einer Mischung aus I-130 und I-131. Im März 1943 erhielt Mr. B.B. die Testdosis, Seidlin überwachte mit einem Geigerzähler die Verteilung der radioaktiven Substanz im Körper seines Patienten. Er fand alle radiologisch bekannten Metastasen sowie zwei zuvor unentdeckte Tumorabsiedlungen; in dem Bereich, wo einst die Schilddrüse gelegen hatte, wurde keine Aktivität gefunden. Der Pathologe des Krankenhauses, der die Untersuchung verfolgte, war fasziniert von den Signalen des Geigerzählers, die sich verstärkten, wenn Sedlin ihn über die Körperregionen führte, in denen sich die Metastasen entwickelt hatten: „Ich habe schon viele Metastasen unter dem Mikroskop gesehen, aber dies ist das erste Mal, dass ich sie reden höre!“

Der Patient erhielt insgesamt vier Dosen I-131 und galt 1949 als geheilt. Die Krankengeschichte des Mr. B.B. sorgte für großes Aufsehen, sogar von „Wunderheilung“ war die Rede. Seidlin wurde in Titelgeschichten in den US-Medien gefeiert und verhalf der Radiojodtherapie zum Durchbruch.

In den 1940er Jahren galten alle Patienten mit metastasiertem Krebs als todgeweiht; die Heilung eines todkranken Tumorpatienten mit multiplen Metastasen durch simples Trinken einiger Lösungen mit I-131 hatte tatsächlich etwas Magisches an sich.

Die neue Therapieform konnte sich bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs aber nicht flächendeckend durchsetzen, weil kaum Isotope für zivile Nutzung produziert wurden. Die USA konzentrierten zu jener Zeit alle Ressourcen auf die militärische Nutzung der Nukleartechnologie; erst nach Ende des Krieges wurde I-131 in größeren Mengen auch für medizinische Zwecke verfügbar. Ab 1946 wurden in den USA innerhalb weniger Jahre hunderte Patienten mit Schilddrüsenüberfunktion und Schilddrüsenkrebs mit I-131 therapiert.

In Deutschland begann die Radiojodtherapie im Jahr 1948: Professor Cuno Winkler behandelte in Aachen erfolgreich einen Patienten, der an einem metastasierenden Schilddrüsenkarzinom litt, mit I-131, das ihm vom britischen staatlichen Nuklearenergiezentrum in Harwell geliefert worden war. Seine Erfahrungen mit der radioaktiven Therapie veröffentlichte Winkler 1950 auf dem Internistenkongress in Wiesbaden.

1954 nahm Dr. Wilhelm Hancken die Methode auf

Dr. Wilhelm Hancken, der den Siegeszug der Radiojodtherapie in den USA und die Anfänge in Deutschland mit großem Interesse verfolgt hatte und in engem Erfahrungsaustausch mit dem Nuklearmediziner Prof. Wolfgang Horst vom UKE stand, nahm 1954 die Behandlung von Schilddrüsenkranken mit radioaktivem Jod auf. Damals waren auch die ersten Ganzkörperscanner verfügbar, mit denen die Verteilung und Anreicherung des Radiopharmakon bildlich dargestellt werden konnte und den Ärzten auch die Diagnostik erleichterte.

In den vergangenen Jahrzehnten wurden die nuklearmedizi-nischen Verfahren zur Entdeckung von Schilddrüsenerkrankungen ständig verbessert. Mit der Entdeckung von Technetium Tc-99m steht seit den 1960er-Jahren ein Radiopharmakon mit einer sehr kurzen Halbwertzeit für die Diagnostik von Schilddrüsener-krankungen zur Verfügung. Computergesteuerte Aufnahmegeräte wie die Gamma-Kamera und die SPECT-Technik verschaffen den Ärzten präzise dreidimensionale Ansichten.

Funktionsstörungen und Veränderungen der Schilddrüse waren damals wie heute weit verbreitet: In Deutschland, das wie die meisten mitteleuropäischen Länder zu den Jodmangelgebieten zählt, leidet etwa jeder Dritte – Frauen häufiger als Männer – an Erkrankungen der Schilddrüse. Mit steigender Tendenz: Zwar hat seit 1989 die Jodierung von Speisesalz die Versorgung der Bevölkerung etwas verbessert, doch durch die salzärmere Kost, die seit Jahren flächendeckend zur Bluthochdruckprophylaxe empfohlen wird, sinkt auch wieder die Jodzufuhr und damit steigt die Gefahr, dass Schilddrüsenerkrankungen wieder zunehmen. Etwa 40 Prozent der Funktionsstörungen und Veränderungen bleiben oft lange unentdeckt, weil die Symptome nicht beachtet oder falsch gedeutet werden, ermittelte die Deutsche Schilddrüsenliga, Dachorganisation der Selbsthilfegruppen von Schilddrüsenpatienten. Bluttest und Ultraschalluntersuchung können den Verdacht erhärten. Differenzierte Diagnosen bietet nur die Nuklearmedizin.

Interdisziplinäres Schilddrüsenzentrum

Um den Menschen in der Elbe-Region den Zugang zur modernen Diagnostik und effektiven Therapie zu erleichtern, haben die Klinik Dr. Hancken und die Elbe Kliniken 2015 ein interdisziplinäres Schilddrüsen-Zentrum gegründet. Dabei übernimmt das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) Klinik Dr. Hancken Radiologie und Nuklearmedizin die umfassende Diagnostik, die medikamentöse Therapie und die Nachsorge der Patienten. Chirurgische Eingriffe werden im Elbe Klinikum durchgeführt.

Für die gezielte Diagnostik von Schilddrüsenerkrankungen wird den Patienten heute eine mit dem Radioisotop Technetium angereicherte Nährstofflösung verabreicht, das sich nur in der Schilddrüse absetzt. Danach werden mit einer Gammakamera Aufnahmen der Schilddrüse angefertigt. Diese Szintigramme zeigen Funktionsstörungen und Veränderungen des Organs. Sie ermöglichen auch die Unterscheidung zwischen „heißen“ und „kalten“ Knoten.

Im Falle einer gutartigen Vergrößerung der Schilddrüse oder sogenannter „heißer Knoten“ haben die Patienten die Wahl zwischen der operativen Entfernung des Gewebes oder einer medikamentösen Radiojodtherapie ohne chirurgischen Eingriff und Narkose.

Die Strahlendosis entspricht etwa der Menge, die bei einer CT-Untersuchung anfällt. Da sich das radioaktive Jod nur in der Schilddrüse anreichert und die Strahlung eine sehr geringe Reichweite hat, wird das umliegende Gewebe nicht geschädigt. „In den USA ist die Radiojodtherapie bei Autoimmunhyperthyreose Typ Basedow bis heute Standard“, sagt Dr. Thomas Molwitz, der die Abteilung für Nuklearmedizin im MVZ Klinik Dr. Hancken in Stade leitet. „Die Radiojodtherapie ist eine elegante Methode. Sie ist nicht belastend, hat keine Nebenwirkungen. Der Patient braucht keine Narkose, wird nicht operiert, empfindliche Stimmbandnerven werden nicht gefährdet. Alles was erforderlich ist, ist die Einnahme einer Tablette.“

Eine Tablette einnehmen – das war es schon . . .

Die Patienten werden für die Radiojodtherapie stationär in der Klinik Dr. Hancken aufgenommen. Das angereicherte Jod wird ihnen in Form einer Tablette verabreicht und ist gut verträglich. Anschließend müssen sie zwei bis drei Tage auf der Schilddrüsenstation verbringen, bis die Strahlung abgeklungen ist. Die Behandlung von Schilddrüsenpatienten genießt in der Stader Klinik bis heute einen hohen Stellenwert. Die Patienten werden während ihres kurzen Aufenthalts in einer eigenen Station mit ansprechenden Räumen, Balkonen und einem großzügigen Wintergarten untergebracht – WLan und TV inklusive.

„Kalter Knoten“? Dann wird zumeist operiert

Sollte sich bei den Untersuchungen allerdings herausstellen, dass es sich bei den Veränderungen um „kalte“ Knoten handelt, wird dem Patienten in den meisten Fällen mittels Biopsie eine Gewebeprobe entnommen, die weiter untersucht wird. Denn „kalte“ Knoten können ein Hinweis auf eine Krebserkrankung sein. Sollte sich der Verdacht bestätigen, muss die Schilddrüse in den meisten Fällen operativ entfernt werden. Dann wird allerdings in vielen Fällen auch eine Nachbehandlung mit einer höher dosierten Radiojodtherapie empfohlen, um Metastasen und Rezidive zu verhindern und die ohnehin guten Heilungschancen bei Schilddrüsenkrebs noch zu steigern sowie den Patienten die Sicherheit zu geben, dass ihre Krankheit überstanden ist. Auch heute werden wie 1948 bei Seidlins erstem Patienten Mr. B.B. nur mit einer Radiojodtherapie Heilung bei bestimmten Formen des metastasierten Schilddrüsenkrebs erzielt.

Infrastruktur für Hochdosis-Patienten

Auch für Patienten, die wegen einer Schilddrüsenkrebserkrankung eine Hochdosis-Therapie erhalten, besteht in der Klinik Dr. Hancken die entsprechende Infrastruktur. Neben neuen, speziell isolierten Räumen und Badezimmern in der Schilddrüsenstation wurde auch die Entsorgung von Abwasser aus dieser Station auf den allerneuesten, in hohem Maße umweltverträglichen Stand gebracht. Im vergangenen Winter ließ Klinik-Chef Dr. Hancken unter dem Parkplatz der Stader Hanckenklinik für rund zwei Millionen Euro eine spezielle Abklinganlage einrichten. Dort können pro Tag 1350 Liter Abwasser aus der Isotopenstation geklärt und gespeichert werden, bis die Strahlung abgeklungen ist und das Wasser völlig gereinigt abgeleitet werden kann.

„Es ist für uns eine Selbstverständlichkeit, dass wir nur die modernsten und umweltverträglichsten Verfahren einsetzen. Das sind wir unseren Patienten, aber auch unseren Mitarbeitern und Nachbarn schuldig“, sagt der Klinikchef. co

27.02.2016 - Hancken - Die Geschichte einer Klinik

Pressebericht aus dem Stader Tageblatt:
© 2016 Zeitungsverlag Krause GmbH & Co. KG

Angefangen hat alles vor knapp 100 Jahren mit einer Arzttasche und einem Fahrrad, heute gehört die Hancken-Klinik zu den modernsten medizinischen Einrichtungen der Region. Die Gründung kam nur deshalb zustande, weil Wilhelm Hancken einst beim Stader Krankenhaus abblitzte.

VON CHRISTIANE OPPERMANN

Der Campus der Hancken-Klinik in Stade. 1949 bekam Dr. Wilhelm Hancken die Konzession für den Betrieb einer Klinik. Ihm folgte sein Sohn Gerd, dessen Sohn Christoph die medizinische Einrichtung in dritter Generation führt.

Die Geschichte der Hancken-Klinik beginnt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg. Im November 1919 bezog Dr. Wilhelm Hancken eine Wohnung in der Stader Kirchhofstraße, heute die Albert-Schweitzer-Straße, und ließ sich als praktischer Arzt nieder. Die Ausstattung seiner Praxis bestand damals vor allem aus seiner Arzttasche mit Stethoskop, einigen Instrumenten, etwa Pinzetten, Skalpellen und Spritzen zur Versorgung von Wunden und Abzessen, Fläschchen mit Desinfektionslösungen, Schmerzmitteln und Narkotika, sowie dem wichtigsten Utensil aller praktischen Ärzte, der Geburtszange. Dazu noch ein Fahrrad für die Krankenbesuche.

Dieses karge Instrumentarium galt in den Jahren nach dem Ersten Weltkrieg als völlig ausreichend für die medizinische Versorgung der Landbevölkerung. Ärzte wurden in den meisten Fällen erst gerufen, wenn Hausmittel versagt hatten, die Patienten schwer krank waren oder Hausgeburten nicht vorangingen.

Für Hancken war diese Minimal-Ausstattung, die ihn bei Diagnostik und Therapie enorm einschränkte, schwer erträglich. Der gebürtige Himmelpfortener hatte seine Ausbildung an den fortschrittlichsten Kliniken seiner Zeit absolviert: Magdeburg, Berlin, Heidelberg. Während des Ersten Weltkriegs hatte er mit berühmten Chirurgen und Internisten des Kaiserreichs zusammengearbeitet. Er war erfahren in der Röntgenkunde, in der Labormedizin und durch viele Einsätze in der Versorgung verletzter Soldaten auch in der Chirurgie. Seine Fähigkeiten wollte er daher auch bei der Behandlung seiner Patienten in Stade einsetzen.

Doch als Hancken den Leitenden Arzt des Stader Krankenhauses aufsuchte, um die Möglichkeiten einer Zusammenarbeit auszuloten, holte er sich eine Abfuhr. Dort waren die Mitarbeit des jüngeren Kollegen und seine neumodischen Methoden nicht erwünscht. Nach einigen erfolglosen Auseinandersetzungen mit der Krankenhausleitung begriff Hancken, dass er selbst die Initiative ergreifen musste, wenn er seine Patienten auf dem aktuellen Stand der medizinischen Wissenschaft untersuchen und behandeln wollte.

1932 konnte er das erste Röntgengerät in seiner Praxis in der Harsefelder Straße 8, wo er seit 1926 mit seiner Familie lebte und auch praktizierte, aufstellen lassen. Es war eine Anlage der neuesten Generation, mit der er sowohl Röntgenuntersuchungen als auch Strahlentherapien durchführen konnte.

Die Anschaffung dieser Anlage war nur die erste in einer Reihe von neuen Errungenschaften, mit denen der Mediziner die Versorgung seiner Patienten ständig verbesserte. Noch wenige Jahre vor seinem Tod 1957 führte Hancken mit großem Erfolg auch die Radiojod-Therapie gegen Schilddrüsenerkrankungen ein. 1949 hatte er zudem die Konzession für den Betrieb einer Klinik erhalten und konnte seine Patienten stationär behandeln. Wilhelm Hanckens Traum von einer modernen medizinischen Versorgung hatte sich erfüllt.

Seinem Sohn Gerd hatte Hancken allerdings ein wirtschaftlich schwieriges Erbe hinterlassen. Mit der Klinikkonzession und der fortschrittlichen radiologischen Ausstattung seines Instituts hatte Wilhelm Hancken zwar seiner Klinik einen hervorragenden Ruf in der Fachwelt verschafft, finanziell gründete sein Lebenswerk aber auf dünnem Fundament. Dr. Gerd Hancken, damals noch in der Ausbildung zum Radiologen, und seine Frau Lore verbrachten viele schlaflose Nächte, bis es ihnen gelang, den Fortbestand der Klinik und die Mittel für den notwendigen Ausbau zu sichern.

Schnell zeigte sich, dass das Leitmotiv seines Vaters („Dann müssen wir es eben selber machen“) auch zum Mantra von Gerd Hancken und seiner Frau werden sollte. Um den Mangel an medizinisch-technischen Assistentinnen (MTA) mit Schwerpunkt Röntgen zu beheben, gelang es Gerd Hancken 1962, die Verwaltungen der Landkreise Stade, Cuxhaven und Bremervörde von der Notwendigkeit der einer MTA-Schule zu überzeugen.

Sie blieben dem Motto auch treu, als ab 1972 eine neue Technologie, die Computertomographie, die radiologische Diagnostik zu revolutionieren begann. Mit Hilfe dieser Schnittbildtechnik konnten beispielsweise Organe überlagerungsfrei dargestellt werden. Die ersten Aufnahmen, die lange dauerten, weil der Computer viel Zeit für die Datenverarbeitung brauchte, ließen das ungeheure Potenzial dieser Technik nur er ahnen.

Bei einem Treffen im Spätsommer 1972 lehnten renommierte Radiologen, darunter Universitätsprofessoren und Chefärzte deutscher Kliniken, die Computertomographie wegen der schlechten Qualität ab. Doch Hancken, der die neuen Entwicklungen und die Veröffentlichungen in den Fachzeitschriften genau verfolgte, mochte sich der Meinung nicht anschließen. Ein Jahr später wurden Ergebnisse der ersten klinischen Einsätze veröffentlicht und die dreidimensionalen Aufnahmen boten den Ärzten völlig neue Perspektiven für die Diagnostik schwerer innerer Verletzungen und Tumorerkrankungen. Die technischen Fortschritte waren durch leistungsfähigere Computer möglich geworden, die Untersuchungszeiten hatten sich deutlich verkürzt.

Hancken war überzeugt, dass diese Technik auch im Elbe-Weser-Dreieck gebraucht würde. Er beschloss, ein CT für seine Klinik zu bestellen. Das war eine mutige Entscheidung, denn die neuen Geräte waren sehr teuer in der Anschaffung, im Betrieb und – wie sich nach der Inbetriebnahme 1976 bald herausstellte – auch sehr anfällig. Obwohl Technik-Crews des Herstellers ständig in der Hancken-Klinik präsent waren, gab es immer wieder höchst ärgerliche Ausfälle. Das erste Gerät wurde bald dann auch gegen eine Anlage der zweiten Generation ausgetauscht.

Der Bedarf an CT-Diagnostik wuchs ständig, in der Hancken-Klinik wurde ein Hubschrauberlandeplatz gebaut, um Schwerverletzte erst zur schnellen CT-Diagnostik in die Harsefelder Straße und dann ins Krankenhaus zur Behandlung transportieren zu können. Da die neue Röntgentechnik in der Traumadiagnostik immer wichtiger wurde, stellte die Hancken-Klinik 1990 ein zweites CT im damaligen Städtischen Krankenhaus in Stade auf und übernahm fortan auch den Betrieb der Anlage.

Im Vergleich zum Ringen um die Entscheidung für das CT waren die gleichwohl sehr teuren Anschaffungen von Linearbeschleunigern und Kernspintomographen eher unspektakuläre Ereignisse. Obwohl sie einen wesentlichen Beitrag leisteten, die Versorgung der Patienten zu verbessern und die Stellung der Hancken-Klinik als eines der führenden deutschen Institute für radiologische Diagnostik und Therapie zu festigen. Unter der Leitung von Gerd Hancken wurde eine Abteilung für medikamentöse Tumortherapie aufgebaut, für die Betreuung von Tumorpatienten nach Abschluss ihrer Therapie die Krebsnachsorge Stade e.V. gegründet. Die Hancken-Klinik wurde 1981 zusammen mit der Tumorklinik in Wehnde (Göttingen) zum Modellprojekt für die Einrichtung von Palliativstationen ausgewählt.

Als Gründerenkel Christoph Hancken 1994 die Geschäftsführung der Klinik übernahm, war er bereits Facharzt für Radiologische Diagnostik und bestens vertraut mit der damals neuen Kernspintomographie und der Digitalen Subtraktionsangiographie. In der Kieler Universitätsklinik, seinem Ausbildungsinstitut, hatte er die Position eines Oberarztes inne. Der Hancken-Klinik war er immer verbunden geblieben:

In seiner Freizeit hatte er zusammen mit dem Hämato-Onkologen Dr. Alexander Scherpe ein damals völlig neues Computernetzwerk aufgebaut, um die ersten Schritte in Richtung einer digitalen Patientenakte zu machen. Mit dem System war es damals erstmals möglich, alle Arztbriefe über Jahre zentral zu speichern, was ein großer Fortschritt für das Haus war, weil so allen behandelnden Ärzten der Klinik die wichtigsten Informationen sofort zur Verfügung standen.

In den folgenden Jahren wurde dieses Netzwerk kontinuierlich erweitert: Die Hancken-Klinik eröffnete im nördlichen Elbe-Weserdreieck fünf weitere Niederlassungen für Diagnostische Radiologie und Nuklearmedizin. Noch bevor im Januar 1995 die Hancken-Praxis in Buxtehude unter der Leitung von Dr. Jörg Strache den Betrieb aufnahm, liefen die Verhandlungen mit dem Stadtkrankenhaus Cuxhaven, dann folgten weitere Praxen in Bremervörde, Lilienthal und Zeven.

Der Vorteil dieser Kooperationen waren die Möglichkeiten der sektorübergreifenden radiologischen Versorgung der Patienten: In der Abteilung konnten sowohl stationäre als auch ambulante Patienten versorgt werden, damit wurden die teuren Geräte besser ausgelastet. Die Krankenhausärzte hatten damit auch die Möglichkeit, bei stationären Behandlungen schnell auf ambulante Voraufnahmen zugreifen zu können.

Ein für die Klinik konzipiertes Datennetzwerk sorgt dafür, dass die Aufnahmen schnell befundet und an die behandelnden Ärzte weitergeleitet werden konnten. In Notfällen können Chirurgen bereits anhand der Aufnahmen die Operation planen, während der Patient noch im Krankenwagen oder Hubschrauber unterwegs ist. Die ständige Verfügbarkeit der digitalen Aufnahmen erspart zudem Doppelaufnahmen und die Suche nach Röntgenumschlägen, früher der Albtraum aller Radiologen.

Die Abteilung für Schnittbilddiagnostik in der Klinik Dr. Hancken wurde seit Mitte der 90er Jahre ständig weiter ausgebaut, weil Christoph Hancken früh erkannte, dass gerade die Computer- und Kernspintomographie die größte radiologische Herausforderung in der Zukunft in der Radiologischen Versorgung sein würde. Unter der Leitung von Dr. Wilhelm Ruempler wurde diese Abteilung in der Harsefelder Straße mit jeweils den aktuellsten Geräte-Generationen ausgestattet und sogar mit den Herstellern weiterentwickelt.

Eine neue Mammographie-Abteilung wurde 2005 unter Leitung des Klinikradiologen Dr. Thilo Töllner eingerichtet und erhielt den Zuschlag für die Durchführung des Mammographiescreening-Programms in der Elbe-Weser-Region. Dazu wurde extra ein Mammobil, eine fahrbare Röntgenstation, erworben, um möglichst wohnortnah die Mammographien zur Brustkrebsfrüherkennung anbieten zu können.

Ebenso hat Hancken von Anfang an den Ausbau der Angiographie-Abteilung kontinuierlich gefördert. In dieser Abteilung im Elbe Klinikum Stade werden heute unter Leitung des Klinik Chefarztes Dr. Kersten Mückner nicht nur alle modernen radiologischen Verfahren angeboten, hier ist auch der zentrale Standort für die interventionelle Radiologie, wo Raucherbeine und Aneurysmen behandelt, aber auch schnelle Hilfe bei Schlaganfällen und Gefäßverschlüssen im Kopf geleistet werden kann und zusammen mit den Hämatoonkologen und Nuklearmedizinern der Hancken-Klinik spezielle lokale Tumortherapien durchgeführt werden.

Wie für seinen Großvater und seinen Vater ist es auch für Christoph Hancken selbstverständlich, dass die radiologische Ausstattung der Hancken-Klinik und der Praxen stets auf dem neuesten Stand ist. So wurden auch ein 64-Zeilen-Kardio-CT, ein 3-Tesla-MRT sowie ein PET-CT und zwei baugleiche digitale Linearbeschleuniger angeschafft. Seit Sommer 2015 verfügt die radioonkologische Abteilung, die unter der Leitung des Strahlentherapeuten Dr. Markus Herrmann steht, auch über ein 4-dimensionales PET-CT für die exaktere Planung atemgeführter Strahlenbehandlungen von Tumoren in hochsensiblen Bereichen.

Es ist der jüngste Meilenstein in der Geschichte der Hancken-Klinik – aber mit Sicherheit nicht der letzte.

Das Buch

„Die Hanckenklinik“ von Christiane Oppermann ist im MCE-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich.

Artikel erschienen am 27.02.2016

Artikel erschienen am 27.02.2016